SORBISCHES BRAUCHTUM

SORBISCHES BRAUCHTUM

Der Bilderberg wächst: Vor einigen Tagen konnte ich wieder ein paar Fotos für meine Langzeitstudie über deutsche Bezugs- und Identifikationspunkte (Landschaften, Orte, Traditionen) machen. Ich war in der Niederlausitz unterwegs, um mit der Kamera sorbisches Brauchtum zu dokumentieren. Nach einem Besuch des Dudelsackfestivals in Schleife fuhr ich einige Tage später nach Casel (niedersorbisch Kózle), einem kleinen Dorf mit 380 Einwohnern in der Nähe von Cottbus in Brandenburg: Dort konnte ich das Johannisreiten und seine Vorbereitungen fotografisch festhalten.

Der Brauch des Johannisreitens hat heidnische Wurzeln und beruht auf dem Glauben, dass in der Johannisnacht, am 24. Juni, alle Kräuter und Wurzeln heilsame Wirkung entfalten. Bis ins 19. Jahrhundert wurde das Fest in vielen Dörfern der Niederlausitz gefeiert. Da es jedoch ein sorbischer Brauch war, geriet er durch die allmähliche Assimilierung der Sorben nach und nach in Vergessenheit; heute wird das Fest nur noch in Casel gefeiert.

Um 4.00 Uhr treffen sich die jungen Burschen des Dorfes und fahren gemeinsam in den Wald, um vor Sonnenaufgang Binsen und Seerosen zu ernten. Die Mädchen und Frauen des Dorfes flechten daraus später eine Krone, die mit Blumen und Bändern verziert wird. Dann benähen sie den „Johann“ mit Bändern aus Tausenden von Kornblumen. In Begleitung anderer Burschen reitet dieser – geschmückt mit der Krone – zum Dorfplatz. Dort beginnt eine wilde Jagd, bei der die Begleiter jedoch nach und nach aufgeben. Schließlich versuchen die Zuschauer den Johann vom Pferd zu holen und ein Stück von der Krone zu bekommen. Die erbeuteten Blumen werden als Glücksbringer mit nach Hause genommen.

Archaisches Brauchtum, wie es sich vielleicht nur noch bei den Sorben erhalten hat, denn alle anderen Bräuche in Deutschland sind mehr oder weniger christlichen Ursprungs oder christlich überformt. Umso interessanter ist es, den wenigen erhaltenen Bräuchen und Traditionen dieser Art nachzugehen. Dass ich beim morgendlichen Ausflug zu den Seerosen auch als Fotograf mithalten musste und vor dem Frühstück bereits eine Flasche Bier und vier Schnäpse zu verarbeiten hatte, habe ich dafür gern in Kauf genommen.

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Zum Fotoprojekt „Kein schöner Land“ …

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